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Woche 12. Notaufnahme

Aischa war heute ... nun, am Anfang habe ich das nicht so bemerkt, aber sie war bedrückt. Nicht so fröhlich wie sonst, und nicht mal der erste Scheck - ihr Anteil aus dem Video-Geschäft - konnte ihr Lächeln hervorzaubern.
Ich musste mehrmals nachfragen, aber endlich rückte sie damit heraus:

Offenbar zickt ihr Ex rum, weil sie im Internet zu sehen ist und er darauf angesprochen wurde, und jetzt will er die Kleine nicht mehr am Wochenende nehmen. Damit Aischa für sowas keine Zeit mehr hat.
Was für ein Vollpfosten, echt mal.

Wenn die Kleine - Anna heißt sie, und ist grade sieben geworden - unter der Woche drei Tage bei ihrem Vater ist, kann Aischa nur noch ihren Putzjob machen, und alles andere vergessen. Mist.

Ich fragte, ob da was zu machen sei, Anwalt oder so, und natürlich bräuchte sie sich keine Sorgen machen wegen der Kosten, aber sie schüttelte traurig den Kopf. Am Ende würde der Kerl sich gar nicht mehr kümmern, befürchtet sie, und zwingen kann man das ja nicht.
Ich war erstmal ratlos.

Aischa hat dann erst die Wohnung in Ordnung gebracht, und am Schluss Kaffee aufgesetzt. Sie sah aus, als wolle sie gleich losheulen, das ging mir richtig nahe.
Nach einer Weile meinte sie, das wäre alles aussichtslos, schließlich könne sie Anna nicht mitbringen, hier wäre ja kein Platz, damit die Kleine wenigstens Hausaufgaben machen könnte oder so.

ˋÄhm´, sagte ich.
ˋVielleicht ... ähm?´
Irgendwie war der Gedanke naheliegend, aber auch ziemlich absurd: Wenn wir das kleine Zimmer leerräumen für Anna, dann wäre doch alles gut? Oder? Was spricht dagegen?
Nun, es gibt einen Haufen Gründe, die dagegensprechen, klar: Eine quirlige - nach Aischas Erzählungen zu schließen - Siebenjährige im Haus zu haben, das stelle ich mir anstrengend vor. Also, vielleicht ganz spannend, und es wäre ja auch nur tagsüber am Wochenende, klar, aber ...

Außerdem, ich kenne Anna ja gar nicht, und sie mich auch nicht - was, wenn wir uns nicht vertragen würden? Was macht man eigentlich so mit Kindern in dem Alter? Und wieso müssen die am Wochenende Hausaufgaben machen?
Lauter solches Zeug ...

Wir haben dann trotzdem beschlossen, das zu probieren, und erstmal angefangen, das Zimmer leer zu machen - den ganzen Krempel haben wir in die Garage gebracht, ohne auch nur einmal zu schauen, was in den Kartons drin war. Und dann musste geputzt werden, und gestrichen und nochmal geputzt, und obwohl ich da natürlich mitgeholfen habe hat es das ganze Wochenende gedauert.

Ist aber schön geworden, der Raum. Hell und so und ein bisschen gemütlich. Und irgendwie freue ich mich auf das nächste Wochenende. Ich habe erstmal alles abgesagt für die Tage, weil, wir wissen ja nicht, ob das alles klappt. Obwohl, was soll schon schiefgehen?

Woche 13. Invasion

Also ... insgesamt ist alles gut. So gut wie möglich.
Anna ist tatsächlich ziemlich quirlig, aber auch ganz erstaunlich vernünftig, ziemlich schlau und sehr zielbewusst.
Sie hat etwa fünf Minuten gebraucht, um mich sowas von um den Finger zu wickeln ... und nein, das ist schon OK so.

Ich hatte gar nicht mehr dran gedacht, dass Aischa sie mitbringen würde, und erst in letzter Minute ist mir das eingefallen: Ein Kind in der Wohnung, schön, aber ... das mit dem Rauchen geht ja dann gar nicht.
Also habe ich alle Fenster aufgemacht und den Aschenbecher auf den Balkon gestellt.
Der sah gar nicht einladend aus, der Balkon, ich nutze den ja kaum.

Ich dachte grade daran, da ein wenig Ordnung zu machen, vielleicht einen Stuhl rausstellen und einen Tisch für den Laptop, da klingelte es. Aischa klingelt immer, bevor sie die Tür aufsperrt - für den Fall, dass sie ungelegen kommt, sagt sie.
Und eine Sekunde später stand Anna vor mir, schaute ernst und fragte ˋbist du der Jochen?´ Ich nickte. ˋAlle nennen mich Jay.´
ˋGut´, sagte Anna, ˋIch bin die Anna. Was machst du? Warum sind die Fenster offen, da wird es kalt!´
Ich murmelte irgendwas von Lüften und Rauchen und schädlich und so, und Anna nickte ernst und sagte ˋDanke, ich hab dich auch lieb´ und hinter ihr rang Aischa sichtlich um ihre Fassung, verlor und kicherte.
Und sagte ˋWie schön´, mit einem strahlenden Lächeln.
Anna ignorierte das und erklärte, dass ich ihr doch jetzt bitte ihr Zimmer zeigen sollte, Mamma hätte so davon geschwärmt, dass sie ganz neugierig sei, bitte ...

Echt mal.
Die nächsten drei Stunden habe ich dann nicht geraucht, weil Anna ihr Zimmer inspizieren musste, und anschließend erzählte. Von allem. Und sie fragte, auch nach allem. Keine Chance, da rauszukommen, ernsthaft.
Zwischendurch habe ich zaghaft gefragt, was denn mit Hausaufgaben sei, aber sie schüttelte den Kopf und sagte, nein, das geht noch nicht, weil sie grade erst hier angekommen sei und doch erst schauen müsse, wie es hier sei. Verstehst du?

Tja. Im Sturm genommen, die Festung Jay. Aber sowas von.
Als Aischa fertig war und ins Zimmer kam, fragte Anna, ob sie hier übernachten könnten, es sei toll, viel schöner als zu Hause, und bevor ich mir auf die Zunge beißen konnte, sagte ich ˋja klar´ und die beiden lachten. Sowas von verloren ...

Aischa ist dann zu ihrer Wohnung, ein paar Sachen holen, und währenddessen erklärte Anna mir ganz ernsthaft, dass es eigentlich ungerecht sei: ˋDein Zimmer ist viel größer, und wir sind zu zweit ...´
Und auf meine Antwort, dass ich ja die ganze Woche hier sei und sie nur zweieinhalb Tage sagte sie knapp ˋach so, richtig. Aber sonst würden wir tauschen, oder?´

Als die Kleine dann im Bett war, saßen Aischa und ich noch auf dem Balkon, mit einem Wein, und es war ... schön.
Für morgen haben wir ausgemacht, ein paar Dinge zu kaufen für den Balkon, richtige Stühle nebst Tisch, damit es wohnlich wird.
Und beinahe hätte ich vergessen, diesen Eintrag zu schreiben.
Grad noch mal gut gegangen, das.

Woche 14. Rücksturz

Die Woche war ganz OK, ich habe ein paar Überstunden abgefeiert - zum ersten Mal seit ein paar Jahren, bisher habe ich mich immer auszahlen lassen. Seit ... seit längerem.
Aber heute hat es mich zerlegt, und das aus ganz unerwarteter Ecke. Echt, es ist ... heftig.

Aischa und Anna sind direkt nach der Schule hergekommen, und Aischa hatte das ganze Zeug dabei für zwei Übernachtungen - Anna grinste, als ihre Mutter ganz vorsichtig fragte, ob das OK sei, und als ich sagte, ja, super, sprang sie in meine Arme.
Wir hatten einen Drehtermin ausgemacht, Kay sagte, dass er noch ein paar neue Aufräum-Szenen aus der Garage braucht für ein Projekt, ohne Text, aber mit anderer Kamera wegen der Bildqualität, und deswegen sind wir gleich los.
Und Anna natürlich mit.

Das Kind hat echt Talent! Erst wollte sie wissen, worum es geht, dann wollte sie das mal probieren, und ich muss sagen: Meisterhaft!
Kay überlegte laut, ob wir nicht ein komplettes Video nur mit Anna drehen sollten, so gut war die Kleine.
Hat mich echt gefreut!

Nur, dann war ich dran, und da ist es passiert:
Ich habe die Kartons aus Annas Zimmer hergenommen, nacheinander ein paar Sachen rausgeklaubt, angeschaut und in die Entsorge-Kartons gelegt, wie gehabt. Nur eben ohne Text.
Und das sechste oder siebte Ding war ein Bild.
Gerahmt, Foto auf Leinwand, im Hintergrund die Berge, Österreich, vor vier Jahren ...
Annegret.
Sie war wunderschön auf dem Bild, das beste, das ich je geschossen habe. Und sie hat gelacht. Und ...

Ich muss da ziemlich seltsam ausgesehen haben, so erstarrt mit dem Bild in der llHand. Gefühlt eine Ewigkeit, und mir war gar nicht wohl dabei. Ich hätte vielleicht losgeheult, aber Aischa hat mich gerettet:
Sie nahm mir das Ding aus der Hand, ging zu einem leeren Karton, nahm einen Edding und schrieb ˋNoch nicht so weit´ da drauf, bevor sie das Bild ganz sacht hineinlegte.
Und dann kam sie wieder zu mir, nahm mich in den Arm und murmelte irgendetwas, was ich nicht verstand.

Den letzten Teil hat Kay dann rausgeschnitten aus dem Video, aber nicht gelöscht. Weil, ich sagte, das muss ich noch mal sehen, später, irgendwann. Vielleicht.

Heute habe ich dann den Blog von den ganzen Sozialen Medien gelöst, dafür schreibe ich jetzt extra Beiträge, und eine Zugangsbeschränkung gibt es auch - manche Sachen haben so offen im Netz eben nichts verloren. Finde ich.

Abends habe ich Aischa ein bisschen was erzählt, von Annegret, von damals, und sie ist eine wunderbare Zuhörerin. Das hat echt gut getan.
Und dass Anna gefragt hat, ob ich zu traurig bin um eine Gute-Nacht-Geschichte vorzulesen, das könne sie verstehen und wäre nicht schlimm, das hat auch gutgetan. Irgendwie.
(Vorgelesen habe ich trotzdem, den gestiefelten Kater.)

Woche 15. Infodump

Kay meinte, wir brauchen noch so ein ˋwho-am-i-Video, also so eine Vorstellung, die Leute wollen wissen, wer das alles erzählt. Solche persönlichen Sachen binden das Publikum auch viel besser, bisher wissen die ja nur, wie ich heiße. Ich solle mal was zusammenstellen ...

Tja. OK, ich verstehe das, aber ehrlich? Vor der Kamera etwas zu sagen wie ˋIch bin der Jochen, aber alle nennen mich Jay, ich bin grad 42 geworden und lebe allein, arbeite als EDVler am Großrechner und räume grad auf´, das kommt mir komisch vor.
Oder ˋich bin einsdreiundachtzig groß und wiege etwas mehr als hundert Kilo, weil ich kaum was mit Sport anfangen kann und nicht gesund genug esse´?
Echt mal, das sehen die Leute doch: Ein kleiner Schwimmring, nicht weiter tragisch, obwohl ... noch vor ein paar Jahren war ich richtig athletisch. Aber Büro macht birnenförmig, das ist so.

Außerdem, mein Name steht ja immer im Abspann, das habe ich Kay auch gesagt, und er hat gekontert, das liest doch keiner - und außerdem kommt es besser an, wenn das selbst gesprochen wird. Auch von Aischa, sagte er, die Leute brennen darauf.

So sei das eben im Showgeschäft, sagte er noch, und als ich antwortete, dann müsse aber auch das Team vorgestellt werden, also er, da hat er nur geknurrt. Irgendwas von ˋwar ja klar´ und es klang gar nicht glücklich. Und ich sollte mir das echt überlegen, am besten bis morgen, spätestens nächste Woche.
Ich habe ziemlich widerwillig zugesagt, aber dabei schon gedacht, dass ich das erstmal mit Aischa bespreche - vielleicht will sie ja nicht noch bekannter werden? Also, nachdem ihr Ex da jetzt schon Ärger macht.

Also habe ich ein wenig Zeug zusammengeschrieben, halt diese persönlich sein sollenden Sachen, wie Lieblingsgetränk (Dunkles Bier, Rotwein) und Lieblingsessen (Schweinebraten im Gasthaus, irgendwas aus der Dose zu Hause) und Lieblingsmusik (Soul, Blues und Country, je nach Stimmung), bevorzugte Urlaubsziele (Keine. Urlaub ist Stress, wenn man wegfährt) und, nach kurzem Nachdenken, Hobbys.

Da bin ich ein wenig ins Schwimmen gekommen: Außer dieser Aufräumsache habe ich schon ewig nichts mehr ˋgemacht´. Also, privat, so für mich.
Wann war ich das letzte Mal auch nur in einer Kneipe? Oder gar im Kino, im Theater oder sowas? Oder Wandern? Hmm ...
OK, ich weiß noch ganz genau, wann ich das letzte Mal in einem Fußballstation war (vor exakt 25 Jahren, und ich musste, wegen Bundesjugendspielen), aber das hilft grad auch nicht weiter.

Nachher kommt Aischa mit der Kleinen, und heute Abend, wenn Anna schläft, können wir das besprechen, denke ich.

Woche 16. Interview

Wir haben diese Vorstellungs-Sache heute abgedreht, so aufgezogen wie ein Interview. Und Kay schneidet die einzelnen Szenen dann in die anderen Videos rein, weil, sagt er, das besser kommt als ein eigener Film nur für die Vorstellung.
Am Stück waren die Aufnahmen auch schon gut, vor allem Anna war großartig. So Sachen wie, als die Frage kam, wie alt sie sei, da schaute sie entrüstet und sagte ˋDas fragt man eine Dame nicht! Oder?´
Das war nicht abgesprochen, und wir mussten den Dreh unterbrechen, bis alle aufgehört haben zu kichern.

Aischa war auch genial, auf die Frage nach ihrem Alter antwortete sie mit einem Kussmund, und beim Familienstand sagte sie ˋes ist kompliziert´, und ihre Haarfarbe nannte sie ˋtiefdunkelnaturgrau´, mit dem Zusatz ˋdas wird schon noch heller´.
Eigentlich hat sie gar nichts gesagt, also, nichts ausgesagt - aber das so charmant, dass es niemand merken wird.

Als ich dran war, hat sie mir noch mein Skript ein wenig korrigiert: Beim Lieblingsessen heißt es jetzt ˋBraten im Restaurant, oder Griechisch´ und ˋZu Hause wird gekocht, jedenfalls am Wochenende´.
Kay war dann gemein genug noch zu fragen, was denn besser sei, ganz spontan, und ich grinste und sagte ˋselbstgekocht, natürlich´.
Dabei habe ich Aischa angeschaut statt in die Kamera, und ich glaube, sie hat sich gefreut.

Danach habe ich sie zum Bahnhof gebracht, weil sie für eine Woche zu ihren Eltern fährt. Weil dann jetzt Schulferien sind und so.
Die Familie lebt in Aarweiler und hat da ein paar Weinberge, die jetzt ihr Bruder bewirtschaftet - Vater und Großvater helfen noch mit, und sie machen außer Wein seit neuestem auch einen Weinbrand. Alles Bio, und so.
Kelterei Abromeit, falls die jemand kennt.
Anna hat mir versprochen, etwas mitzubringen.

Tja. Natürlich bedeutet das, dass ich dieses und nächstes Wochenende ohne die beiden zurechtkommen muss, aber das ist OK. Vielleicht ziehe ich ein wenig um die Häuser, schaue, wer sich in den alten Kneipen noch rumtreibt und so.
Und die Wohnung wird schon nicht verkommen, denke ich - das mit dem Aschenbecher ist sowieso kein Problem, weil ich ja nur noch auf dem Balkon rauche und da gleich so ein Metalleimer mit Deckel steht zum ausleeren. Damit es in der Wohnung nicht nach Asche riecht.

Trotzdem ... es ist schon komisch, wie schnell man sich gewöhnt.
Und wie arg man es vermissen kann, abends eine Geschichte vorzulesen.
Heute hatte ich geplant, mit ˋImmer dieser Michel´ anzufangen, und ich glaube, ich lese das jetzt trotzdem, auch wenn niemand zuhört.
Und danach gehts auf die Piste.

Woche 17. Killerinstinkt

Mittlerweile geht´s wieder - Sorry an alle dafür, dass ich mich die ganze Woche nicht gemeldet habe. Es ging mir gar nicht gut ...
Aber der Reihe nach:

Letztes WE bin ich ja weggegangen, in die alte Kneipe, und tatsächlich waren ein paar Leute von der Stammbesetzung da. War erst ganz lustig, das alles, großes Hallo, wo hast du denn gesteckt und so. OK.

Der eine oder andere hat auch schon was von der Aufräum-Aktion mitbekommen, von den Filmen auf uTube und der FB-Gruppe und so, und natürlich haben sie dann ein wenig gefrotzelt, aber auch mal nachgefragt, mehr oder weniger halbernst, wie das eben so ist.
Und einer hat nach Aischa gefragt.

Das wäre ja OK gewesen, aber der Satz war ˋund deine Türkin, ist die so heiß wie sie ausschaut?´, und dann noch was über Putzfrauen und Bettenmachen.
Ein anderer faselte was von ˋTürkenschnepfen´ und den Brüdern, die andauernd Ehrenmorde begehen, und ich sollte da aufpassen. Und bloß nicht konvertieren, Muslime dürfen ja kein Bier trinken, und solches Zeug.

Ehrlich, ich hatte gut zu tun, da nicht dreinzuschlagen. Bin erstmal aufs Klo, und dann durch die Hintertüre weg, ohne zu zahlen - egal, der Laden ist für mich gestorben, abgefackelt, explodiert.
Zu Hause saß ich dann stundenlang am Schreibtisch und habe versucht, wieder klarzukommen.
Echt mal, dass waren meine alten Kumpels?
Warum habe ich nie gemerkt, was für *** das sind?
Ich meine, gut und schön, eine deftige Bemerkung ist ja ab und zu OK, aber sowas? Von Leuten wie diesen Pegidas, na gut, ja ... aber ganz normale Typen? Echt mal. Furchtbar.
Ich hätte nie gedacht, dass diese Kackscheiße gleich hier um die Ecke zu finden wäre - gut, zugegeben, vielleicht bei ein paar Altnazis, ja, aber ...
Ich rege mich immer noch auf, merke ich grade.

Geholfen hat mir dann das Aufräumen.
Also, die Methode mit den Kartons, und ein wenig stolz bin ich schon, dass ich da draufgekommen bin:
Ich habe eine Stapel Postkarten genommen, und auf jede einen Namen geschrieben, und die dann in Schuhkartons verteilt. Erst der Trupp vom Wochenende, aber dann habe ich die FB-Konten von anderen angeschaut, was die so kommentieren und liken, und Twitteraccounts und nach Kommentaren gesucht und so.

Es war schlimm: Die Kartons ˋRassisten´ und ˋSexisten´ waren recht voll am Schluss, und ˋDummbratzen´ waren auch nicht eben wenig. Und ich bin wirklich nicht sehr streng bei sowas. Ich meine, solange man ˋNeger´ nicht mit ˋi´ und zwei ˋg´ schreibt ...

Das habe ich vorgestern gemacht, und gestern die ganzen Kartons entsorgt, also, außer den ˋGuten´ und ˋOKen´. Und zwar nicht im Altpapier, sondern auf dem Grillplatz, verfeuert.
Das gab dann zwar ein bisschen Stress mit so einer Ordnungs-Patrouille, aber es war mir den Zwanziger wert. Zum Glück war da eine Frau dabei, der Typ wollte mich sogar anzeigen.

Am Abend habe ich dann mit Aischa telefoniert und ihr das erzählt, und sie war erst sehr still und hat dann leise gefragt, ob ich das für sie getan hätte? Ich war versucht ... aber dann sagte ich die Wahrheit:
Nein, das nicht. Mit solchen Leuten will ich einfach nichts zu tun haben.
Sie sagte dann, das sei gut, und sie freut sich auf Sonntag, da kommen die beiden zurück, und wir können uns sehen.

Woche 18. Tsunami

Letzten Sonntag habe ich Aischa und Anna vom Bahnhof abgeholt, und Anna wollte unbedingt ˋin mein Zimmer´, also zu mir. Wahlweise sollte ich mitkommen in Aischas Wohnung, aber da ist nichts im Kühlschrank und es gibt kein Bett für mich, also ...
Also OK, am Montag zur Schule geht von mir aus genauso gut wie von dort. Und etwas mehr Zeit mit Aischa ist auch schön, dachte ich, also haben wir das so gemacht.

Also, den ersten Teil: Wir sind zu mir gefahren, Abendessen (ich hatte glücklicherweise eingekauft, sogar Salat), Gute-Nacht-Geschichte und all das, nur der Teil mit ˋmorgens zur Schule´, der hat nicht so geklappt.
Anna ist mitten in der Nacht aufgewacht, mit Fieber und so, und musste sich übergeben, und es war nicht dran zu denken, sie in den Unterricht zu lassen. Oder auch nur nach Hause zu bringen, in dem Zustand.
Also habe ich in der Firma angerufen, dass ich später komme, damit Aischa loskonnte, Zeug holen und so. Zum Glück habe ich ja noch ein paar Überstunden, da geht sowas klar.

Aischa war gut anderthalb Stunden unterwegs, Einkaufen und sowas, und beim Arzt, eine Krankmeldung für Anna und einen Hausbesuch vereinbaren. Braucht sie für ihren Job, die Krankmeldung, was ich seltsam finde, aber naja, so ist sowas eben. Doof.
Sie hat dann gekocht und nebenher ein wenig rumgeräumt und alle fünf Minuten ins Zimmer geschaut und gelächelt, und ...

... und dann ziemlich laut geflucht. Also, nicht richtig geflucht, keine ˋbösen Worte´ oder so, aber es war schon deutlich, dass sie sich ärgert. Sehr ärgert. Ich war mindestens so erschrocken wie Anna, nur, im Gegensatz zu dem Kind musste ich mich deswegen nicht übergeben.

Später zeigte mir Aischa den Brief, über den sie sich so aufgeregt hatte: Ein Schrieb vom Anwalt ihres Ex, der Mistkerl verlangt, dass sie die Wohnung verkauft, er will ausgezahlt werden, mit allen möglichen Sperenz­chen, die Anwälte so draufhaben.
Und gleich ein Makler-Angebot hat er auch beigefügt, der ...Kerl.
Beinahe hätte Aischa geweint, wie es aussah, aber dann ist sie aufgestanden, hat sich die Haare aus dem Gesicht gestrichen und ganz leise gesagt ˋkannst du haben, Dreckskerl, die ganze Packung´, und sie sah aus wie so eine Rachegöttin aus einer billigen Fantasy-Serie.
Nur besser angezogen, natürlich.

Ich habe noch mal in der Firma angerufen und freigenommen.
Und bin in mein Zimmer nach dem Essen, und habe angefangen, Sachen in Kartons zu verpacken, weil, wie es aussieht, muss ich ja wohl mit Anna tauschen. Jedenfalls, bis Aischa eine andere Wohnung hat, das hatte ich ja versprochen.
Und das ist mir überhaupt nicht schwergefallen.
Immerhin haben wir ja oft geübt.

Woche 19. Schonzeit.

Das Zimmer ist frisch und neu und eingerichtet, und ein Haufen Zeug ist sogar schon sortiert, zum Verkauf eingestellt oder entsorgt. Zwei Wochen harte Arbeit waren das, und ich bin ganz froh, dass der Stress jetzt erstmal vorbei ist.
Anna war drei Tage krank, und dann noch ein Tag Schonung, und es war ziemlich anstrengend. Irgendwie auch schön, aber dann war es erstmal gut damit. Ein wenig gequengelt hat sie, als es wieder nach Hause ging, aber erfolglos. So einfach geht das ja alles nicht.

Aischa war ganz gerührt, als ich das mit dem Zimmertausch erzählt habe, und dass sie natürlich erstmal hier einziehen könnte um in aller Ruhe eine neue Wohnung zu suchen. Weil, wenn sich sowas ewig hinzieht ist das ja gar nicht gut, vor allem für das Kind.
Irgendwie war sie aber auch ... nun, klar: Sowas ist ja auch belastend, diese Sache mit ihrem Ex, der da rumzickt wie nichts Gutes.

Sie hat zwei Makler kontaktiert wegen der Wohnung, und es wunderte uns beide nicht, dass die den Preis deutlich höher angesetzt haben als der Heini, den ihr Ex beauftragen wollte - Gemauschel, wahrscheinlich, denn blöde ist er angeblich ja nicht.

Dass der Typ sich noch dazu weigert, Anna weiterhin über Nacht zu nehmen, passt da auch gut rein, und ich überlege, ob ich nicht endlich meine Stunden in der Firma reduziere. Geldmässig läuft es ja recht gut, wegen der Videos und Sponsoren und so.

Aischa verkauft grad ihre Einrichtung, lauter gräßliches Zeug in Eiche rustikal, das hat ihr nie gefallen, und zeigt Leuten die Wohnung und solche Sachen, und dann ist Anna halt hier. Also, nach der Schule.
Richtig einziehen werden sie erst, wenn die Wohnung endgültig verkauft ist. Ist mir ganz recht, so können wir uns dran gewöhnen.

Tja ...
Mit Miete und so wollte Aischa was regeln, aber das wäre ja Unfug. Unnötig, ich brauche das nicht, und meine, sie soll lieber was zurücklegen, für die neue Wohnung dann.
Dafür besteht sie darauf, für Putzen und Haushalt kein Geld mehr zu bekommen, und das ist auch OK. Glaube ich. Obwohl sie ja auch noch kocht und so, aber ich will da nicht zanken.

Was die Aufräumerei angeht, wir machen immer noch ein Video pro Woche, und das wird immer besser. Kay sagt, wenn sich das hält, kann er fast davon leben, und er hat jede Woche neue Ideen, was wie zu filmen wäre und spricht davon, das alles auch als Buch herauszugeben und solche Sachen, und es macht ziemlich viel Spass.
Die Videos mit Anna, vor allem. Die sind ein Renner, echt. Wir machen trotzdem nur kurze Szenen mit ihr, und auch nur einmal im Monat, wenn sie selber dazu Lust hat.
Obwohl, sie hat fast immer Lust und auch massenweise Ideen, aber wenn es danach ginge ...
Ihre Klassenlehrerin ist zweimal mitgekommen und sagt, dass es schon OK so wäre, aber wir sollten das nicht übertreiben.

Woche 20. Checkup

Über all das Aufräumen und so hätte ich beinahe einen Termin vergessen. Also, vergessen, einen auszumachen, mit meinem Doc. Der jährliche Check, halt.
Glücklicherweise habe ich sofort ein Date bekommen in der Praxis, weil irgendjemand abgesagt hatte, wegen Krankheit. Sachen gibts ...

Jedenfalls bin ich Mittwoch früh da gewesen, und habe die ganze Nummer abgezogen, Blutprobe, Gewicht, Abtasten, Blutdruck, Atemcheck, Prostata ... was halt so dazugehört.
Und das übliche Gespräch, nur, dass ist diesmal ganz anders verlaufen: Der Doc meinte ausnahmsweise mal nicht, dass eine Therapie viel besser wäre als diese Tabletten, sondern fragte ganz viel zu der Aufräum-Aktion, und wie ich mich damit fühle und so, und am Ende meinte er, vielleicht sollten wir die Dosierung halbieren, oder mal versuchsweise aussetzen.
Vorausgesetzt, dass alles andere OK sei, natürlich.

Mich hat das etwas gewundert, klar, aber auch gefreut, ein bisschen. Warum er das meinte, wollte ich wissen, und er sagte, naja, er hätte da einen guten Eindruck, und vielleicht wäre das Mittel ja gar nicht mehr nötig. Ich sähe auch viel besser aus als früher und so.

Ich weiß ja nicht, ob ich mich das traue. Was, wenn es einen Rückfall gibt, wenn so eine düstere Phase wieder losgeht, jetzt, wo Aischa da ist, also ... bald da ist? Und Anna?
Aber der Doc sagte, so ein bisschen Gesellschaft im Haus und Verantwortung, das könnte viel wirksamer sein als dieses Melancolin, forte hin oder her.

Ich habe dann erstmal gesagt, ich müsse das besprechen mit Aischa, und da hat er genickt und gesagt, ja, gute Idee, und wenn es noch Fragen gibt, könnten wir die ja klären, wenn die Ergebnisse aus dem Labor da sind. Also, nächsten Montag.
Sonst geht das schneller mit dem Labor, aber egal, das gibt mir Zeit für das Besprechen. Passt also.

Und das haben wir dann auch gemacht, heute Abend. Auf dem Balkon, mit einem Wein.
Erst habe ich wohl ein wenig rumgedruckst, weil, irgendwie ist das schon peinlich, und ich habe kaum jemandem davon erzählt. Depressive Verstimmung, naja, und dafür braucht es Medikamente, und ... das klingt so nach Dachschaden, oder?

Aischa hat gelächelt, und ˋMelancolin´ gesagt, und ich habe eine ganze Sekunde gebraucht, um zu kapieren dass sie das natürlich schon wusste - immerhin räumt sie ja meine Wohnung auf, und da findet sie natürlich die Packungen.
War blöd von mir, da nicht dran zu denken, echt mal.

Jedenfalls sagte sie, dass es bestimmt gut wäre, das abzusetzen, vielleicht erst mal reduzieren, und in einem zweiten Schritt aufhören. Auch wegen der Nebenwirkungen, die könnten ja auch heftig sein, nicht wahr?
Ich sage also am Montag, dass wir das machen.
Also, wenn sonst alles OK ist, natürlich. Aber, was soll schon sein?

Woche 21. Eigenwille

Also ...
Die Woche war lang und etwas zäh, vor allem die erste Hälfte. Aber nicht so schlimm wie befürchtet, ich hatte nur etwas zu kämpfen, den Hintern hochzubekommen. Hat der Doc aber so angesagt, erstmal drei-vier Tage die nicht so toll sind, dann pendelt sich das wieder ein, und dann sehen wir weiter.

Aischa hat jeden Tag angerufen, das hat geholfen, und am Mittwoch waren die beiden hier, und seitdem geht es wieder ganz gut. Nur, ein wenig fahrig bin ich wohl noch, irgendwie nicht ganz auf der Höhe.
Aber OK, das war ich die letzten Jahre wohl auch nicht, oder?

Jedenfalls scheint sich das wirklich einzupendeln, heute war es echt OK, und Anna hat gesagt, ich hätte ganz prima vorgelesen. Noch viel schöner als sonst.
Obwohl ich zwischendurch selber immer mal kichern musste, also von Lesefluss konnte da keine Rede sein.

Der Abend auf dem Balkon war dann aber recht kurz, so im Vergleich, weil ich ziemlich schnell müde geworden bin, und beinahe hätte ich versäumt, diesen Eintrag zu schreiben. Was ja nun keine Katastrophe gewesen wäre. Nur der Text für FB, der ist tatsächlich ausgefallen, ich habe das mit ˋGrippe oder sowas´ entschuldigt, und denke, das geht klar.

Spannend ist was in der Firma so abging: Ein paar Kollegen haben gefragt, was denn los sei und mein Abteilungsleiter hat gemeint, ich solle mal kürzertreten. Entweder im Geschäft oder bei Aufräumen.
Ob ich vielleicht auf Teilzeit gehen möchte, hat er gefragt, weil, es wird ja mehr und mehr mit PCs gemacht, der Großrechner-Teil wird sowieso zurückgefahren, und überhaupt.

Komischerweise war ich da gar nicht frustriert, und, mal sehen, Teilzeit klingt eigentlich gar nicht verkehrt. Oder ich wechsle doch zu den PClern, obwohl ich da immer dagegen war. Mickeymouse-Computer habe ich immer gesagt, nichts richtiges, aber ... naja, die Zeiten ändern sich.
Ich denke, das wird irgendwann in einem halben Jahr spruchreif, vielleicht auch noch später, das eilt ja nicht.

Aischa sagt, dass Teilzeit wirklich gut wäre, sie hat das ja auch, wegen Anna. Klar, weniger Geld, deswegen hat sie ja die Putzstelle dazugenommen, weil ja noch Kredite zu zahlen waren, aber das fällt ja jetzt weg, wenn sie die Wohnung verkauft hat.

Ich muss da echt drüber nachdenken, wenn erst die Umstellung mit den Tabletten durch ist. Und vielleicht den Steuerberater mal fragen.
Oder ... ich glaube, ich sage gleich, dass erstmal 30 Stunden gut wären.

Schrittweise ausschleichen, wie mit dem Medikamenten, das ist doch ein Plan, oder?

Woche 22. comic relief

Also, die Sache mit den Medis ... das läuft echt gut. Wirklich. Also, OK, manchmal gibt es so Momente, die sind nicht ganz so cool, klar - aber ernsthaft, das ist doch immer so, oder?
Nur ein bisschen ruhelos bin ich ab und zu, und dann mache ich komische Sachen, wie heute vormittag:
Da habe ich erst den Aschenbecher ausgeleert, und dann konnte ich nicht stillsitzen und habe das Bad geputzt. Also, so gut ich das hinbekommen habe.
Ich hatte frei, weil ich jetzt doch die Teilzeit mache, und es waren noch ein paar Überstunden übrig, und ... jedenfalls, eigentlich wollte ich ja das Skript für ein neues Video schreiben, die Sache mit den Freunden und den Postkarten und so, aber als ich grade bei diesen Ordnungsstreifen anrufen wollte um zu fragen, ob die dabei wären, die Szene am Grillplatz nachzustellen, das hat es mich alles genervt, und so ist das eben passiert.
Ich hoffe, Aischa hat Verständnis dafür, weil, das ist ja ein bisschen auch ihr Ding, also, eine Einmischung, irgendwie.

Der Chef von den Ordnungsleuten war dann am Telefon ganz angetan, weil ich sagte, da gehören ja doch ein paar Sachen rein in so ein Video, was alles nicht so wirklich geht, und er hat gesagt, wenn ich ihm das Skript schicke, dann spielt er auch gerne mit.
Finde ich gut. Und er sagte, er kennt den Kanal, und räumt bei sich zuhause auch grad rum.

Der Wohnungsverkauf dauert noch an, weil die Käufer erst noch mit ihrer Bank verhandeln, aber die Sache steht eigentlich. Und Aischa sagt, dass doch ein ganzes Stück Geld übrigbleibt, wenn sie die Kredite abgelöst und dem Mistkerl seinen Teil gegeben hat.
Und vielleicht könnten wir ein paar Tage wegfahren? Also, alle drei, wenn die Sache durch ist.

Aber erstmal haben wir ausgemacht, dass die beiden nächste Woche praktisch einziehen, also, erstmal zu Testen. Damit wir uns dran gewöhnen, so mit Alltag und allem.
Anna sagte dazu, Alltag sei doof, weil langweilig, und jeden Tag Neutag sei viel besser, und irgendwie hat sie da Recht, finde ich.

Ich denke, ich wische noch ein wenig in der Küche rum, bis es klingelt. Weil, dann haben wir mehr Zeit für den Neutag, wenn das Putzen schon erledigt ist. Und können vielleicht, mal sehen ... Eis essen?
Warm genug ist es ja.

Vielleicht bringen wir auch irgendwas in Unordnung, so zur Abwechslung. Oder ... ich weiß nicht, aber bestimmt fällt uns was ein. Was zum Lachen, nach den letzten Wochen wär das echt gut.

Woche 23. Zeit zum Teilen

Also, die Entscheidung für Teilzeit war goldrichtig! Ich freue mich schon in der Frühstückspause darauf, nach Hause zu kommen, da wäre es echt quälend, die vollen acht Stunden abzusitzen.
Dienstag und Mittwoch hat Anna lange Unterricht, das sind dann zwei Stunden für mich alleine, und sonst treffen wir kurz nacheinander ein, manchmal ich zuerst, manchmal Aischa mit dem Kind.

Ich habe gesagt, wenigstens einen Tag könnte ich ja Anna abholen, und so werden wir das auch machen, wenn sie fest hier wohnen. Anna freut sich schon, und macht Pläne, was wir tun können bis Mamma da ist.
ˋHausaufgaben?´ habe ich gefragt, aber da hat sie den Kopf geschüttelt.
ˋKann ich doch alleine, wir gehen lieber shoppen oder so.´

Shoppen ... ich habe gemeint, man sollte doch lieber ˋEinkaufen´ sagen, wegen Denglish und so, aber da wurde Anna energisch:
ˋEinkaufen ist, wenn man Socken braucht oder eine Jacke oder Sportsachen. Einkaufen gehe ich mit Mamma. Schoppen ist gucken, was einem gefällt, und nicht kaufen. Also, nur, wenn man was tolles findet.´
ˋDann weiß ich gar nicht, ob ich richtig shoppen kann´ habe ich geantwortet, und da hat sie mich lange ganz ernst angeschaut, und sich die Hand auf den Mund gepresst ...
Aber endlich hat das Kind geflüstert ˋDas sieht man, Jay´ und mich dann gleich in den Arm genommen, als wollte sie mich trösten.

Ich war erstmal baff, und hatte nicht gleich was zu sagen, und Anna sah richtig traurig aus, bis ich sagte, sie könne mir das ja vielleicht beibringen, das shoppen, oder? Dann war das OK.

Am Abend bin ich dann an den Kleiderschrank, also an den Teil, in dem meine Sachen sind, und habe geschaut.
Fünf fast identische Cargohosen, drei billige Jeans und ein Haufen T-Sirts und Sweater, oben im Fach zwei Basecaps ... alles ziemlich praktisch. Aber.
Eben.
Bei den Jacken sieht es nicht viel besser aus, insgesamt ist das die Kollektion ˋalleinstehender Herr ohne große Ambitionen´, beinahe vollständig. Vom Parka bis zur Windjacke alles da.
Aber wenigstens kein Jogginganzug, so schlimm war es zum Glück nie.
Obwohl, ich denke, die Kontrolle über sein Leben zu verlieren geht auch in einem Zweireiher aus Saxony Tweed, oder im Gehrock.

Und dann ist da noch der Anzug. Der Anzug, betont.
Maßgeschneidert und ungetragen.
Eigentlich kann der weg, dachte ich, aber das gab dann doch einen Stich. Aber immerhin, in der Garage steht ja noch der Karton mit der Aufschrift ˋist noch nicht so weit´, und das ist eine gute Lösung, erstmal.

Woche 24. Es grünt so grün

Mit Aischa und Anna sind ein Haufen Blumentöpfe eingezogen, Grünzeug aller Art, und ich musste mich erstmal einlesen, was das alles ist. Und wo die am Besten stehen, wie man das gießt und düngt und so.
Spannend.
Grünlilien sollen das Raumklima verbessern, weil die wohl Schadstoffe aus der Luft filtern, so Zeug, das aus Spanplatten ausdampft - ich habe dann gleich überlegt, ob die entsprechenden Möbel hierbleiben können, wegen Anna. Und überhaupt. Schön ist das Zeug ja auch nicht.

Drachenbäume dürfen nur sehr sparsam gegossen werden, und Übertöpfe sind schlecht, weil da Wasser drin stehen kann und dann fault, und Benjamine mögen keine Heizung und fast alle wollen ab und zu besprüht werden, und - und - und.

Aischa sagte, sie mache das nach Gefühl, aber es gehen ihr auch öfter Pflanzen ein, und es sei schön, dass ich mich da kümmere. Ähm.
Aber klar, wenn ich mir das alles schon anlese, kann ich das ja auch gleich machen, kein Problem.
Also bin ich zum Gartenmarkt und habe Töpfe gekauft, aus Ton, und Blumenerde, natürlich torffrei und bio und alles, weil, was bringt es, in der Wohnung Grün zu haben und draußen geht die Natur kaputt?
Bewässerungssysteme gibt es haufenweise, aber das ist alles nichts: Aischa hat schon Recht, auch mit dem ganzen Wissen braucht es da etwas Gefühl für.

Das Umtopfen hat dann echt Spass gemacht, und zufällig war Kay da und hat das gefilmt, weil, auch das ist ja fast wie Aufräumen hat er gesagt, und die richtigen Plätze für Pflanzen finden ist es ja auch, irgendwie.
Das sieht auch wirklich nett aus, vor allem, weil ich noch ein paar alte Leuchten hatte und die Pflanzen abends anstrahle. Nicht sehr hell, aber das macht ein schönes Licht im Wohnzimmer.

Ich meine, OK: Was man nicht braucht, das soll weg, habe ich immer gesagt, und wenn man ehrlich ist: Niemand braucht Grünzeug in der Wohnung, nicht wirklich. Aber es ist halt doch schön, und damit auch nützlich. Finde ich. Weil man sich dadran freuen kann.

Balkonpflanzen haben wir noch nicht, in Aischas alter Wohnung gab es keinen, aber ich denke, am Samstag ziehen wir noch mal los, welche kaufen. Oder besser, shoppen.
Weil, Schoppen ist gucken, was einem gefällt, und nicht nur kaufen. Also, nur, wenn man was tolles findet.
Und bestimmt finden wir was tolles.
Das passiert, wenn man eben nicht muss.