uli moll


Woche 12. Notaufnahme

Aischa war heute ... nun, am Anfang habe ich das nicht so bemerkt, aber sie war bedrückt. Nicht so fröhlich wie sonst, und nicht mal der erste Scheck - ihr Anteil aus dem Video-Geschäft - konnte ihr Lächeln hervorzaubern.
Ich musste mehrmals nachfragen, aber endlich rückte sie damit heraus:

Offenbar zickt ihr Ex rum, weil sie im Internet zu sehen ist und er darauf angesprochen wurde, und jetzt will er die Kleine nicht mehr am Wochenende nehmen. Damit Aischa für sowas keine Zeit mehr hat.
Was für ein Vollpfosten, echt mal.

Wenn die Kleine - Anna heißt sie, und ist grade sieben geworden - unter der Woche drei Tage bei ihrem Vater ist, kann Aischa nur noch ihren Putzjob machen, und alles andere vergessen. Mist.

Ich fragte, ob da was zu machen sei, Anwalt oder so, und natürlich bräuchte sie sich keine Sorgen machen wegen der Kosten, aber sie schüttelte traurig den Kopf. Am Ende würde der Kerl sich gar nicht mehr kümmern, befürchtet sie, und zwingen kann man das ja nicht.
Ich war erstmal ratlos.

Aischa hat dann erst die Wohnung in Ordnung gebracht, und am Schluss Kaffee aufgesetzt. Sie sah aus, als wolle sie gleich losheulen, das ging mir richtig nahe.
Nach einer Weile meinte sie, das wäre alles aussichtslos, schließlich könne sie Anna nicht mitbringen, hier wäre ja kein Platz, damit die Kleine wenigstens Hausaufgaben machen könnte oder so.

ˋÄhm´, sagte ich.
ˋVielleicht ... ähm?´
Irgendwie war der Gedanke naheliegend, aber auch ziemlich absurd: Wenn wir das kleine Zimmer leerräumen für Anna, dann wäre doch alles gut? Oder? Was spricht dagegen?
Nun, es gibt einen Haufen Gründe, die dagegensprechen, klar: Eine quirlige - nach Aischas Erzählungen zu schließen - Siebenjährige im Haus zu haben, das stelle ich mir anstrengend vor. Also, vielleicht ganz spannend, und es wäre ja auch nur tagsüber am Wochenende, klar, aber ...

Außerdem, ich kenne Anna ja gar nicht, und sie mich auch nicht - was, wenn wir uns nicht vertragen würden? Was macht man eigentlich so mit Kindern in dem Alter? Und wieso müssen die am Wochenende Hausaufgaben machen?
Lauter solches Zeug ...

Wir haben dann trotzdem beschlossen, das zu probieren, und erstmal angefangen, das Zimmer leer zu machen - den ganzen Krempel haben wir in die Garage gebracht, ohne auch nur einmal zu schauen, was in den Kartons drin war. Und dann musste geputzt werden, und gestrichen und nochmal geputzt, und obwohl ich da natürlich mitgeholfen habe hat es das ganze Wochenende gedauert.

Ist aber schön geworden, der Raum. Hell und so und ein bisschen gemütlich. Und irgendwie freue ich mich auf das nächste Wochenende. Ich habe erstmal alles abgesagt für die Tage, weil, wir wissen ja nicht, ob das alles klappt. Obwohl, was soll schon schiefgehen?

Woche 13. Invasion

Also ... insgesamt ist alles gut. So gut wie möglich.
Anna ist tatsächlich ziemlich quirlig, aber auch ganz erstaunlich vernünftig, ziemlich schlau und sehr zielbewusst.
Sie hat etwa fünf Minuten gebraucht, um mich sowas von um den Finger zu wickeln ... und nein, das ist schon OK so.

Ich hatte gar nicht mehr dran gedacht, dass Aischa sie mitbringen würde, und erst in letzter Minute ist mir das eingefallen: Ein Kind in der Wohnung, schön, aber ... das mit dem Rauchen geht ja dann gar nicht.
Also habe ich alle Fenster aufgemacht und den Aschenbecher auf den Balkon gestellt.
Der sah gar nicht einladend aus, der Balkon, ich nutze den ja kaum.

Ich dachte grade daran, da ein wenig Ordnung zu machen, vielleicht einen Stuhl rausstellen und einen Tisch für den Laptop, da klingelte es. Aischa klingelt immer, bevor sie die Tür aufsperrt - für den Fall, dass sie ungelegen kommt, sagt sie.
Und eine Sekunde später stand Anna vor mir, schaute ernst und fragte ˋbist du der Jochen?´ Ich nickte. ˋAlle nennen mich Jay.´
ˋGut´, sagte Anna, ˋIch bin die Anna. Was machst du? Warum sind die Fenster offen, da wird es kalt!´
Ich murmelte irgendwas von Lüften und Rauchen und schädlich und so, und Anna nickte ernst und sagte ˋDanke, ich hab dich auch lieb´ und hinter ihr rang Aischa sichtlich um ihre Fassung, verlor und kicherte.
Und sagte ˋWie schön´, mit einem strahlenden Lächeln.
Anna ignorierte das und erklärte, dass ich ihr doch jetzt bitte ihr Zimmer zeigen sollte, Mamma hätte so davon geschwärmt, dass sie ganz neugierig sei, bitte ...

Echt mal.
Die nächsten drei Stunden habe ich dann nicht geraucht, weil Anna ihr Zimmer inspizieren musste, und anschließend erzählte. Von allem. Und sie fragte, auch nach allem. Keine Chance, da rauszukommen, ernsthaft.
Zwischendurch habe ich zaghaft gefragt, was denn mit Hausaufgaben sei, aber sie schüttelte den Kopf und sagte, nein, das geht noch nicht, weil sie grade erst hier angekommen sei und doch erst schauen müsse, wie es hier sei. Verstehst du?

Tja. Im Sturm genommen, die Festung Jay. Aber sowas von.
Als Aischa fertig war und ins Zimmer kam, fragte Anna, ob sie hier übernachten könnten, es sei toll, viel schöner als zu Hause, und bevor ich mir auf die Zunge beißen konnte, sagte ich ˋja klar´ und die beiden lachten. Sowas von verloren ...

Aischa ist dann zu ihrer Wohnung, ein paar Sachen holen, und währenddessen erklärte Anna mir ganz ernsthaft, dass es eigentlich ungerecht sei: ˋDein Zimmer ist viel größer, und wir sind zu zweit ...´
Und auf meine Antwort, dass ich ja die ganze Woche hier sei und sie nur zweieinhalb Tage sagte sie knapp ˋach so, richtig. Aber sonst würden wir tauschen, oder?´

Als die Kleine dann im Bett war, saßen Aischa und ich noch auf dem Balkon, mit einem Wein, und es war ... schön.
Für morgen haben wir ausgemacht, ein paar Dinge zu kaufen für den Balkon, richtige Stühle nebst Tisch, damit es wohnlich wird.
Und beinahe hätte ich vergessen, diesen Eintrag zu schreiben.
Grad noch mal gut gegangen, das.

Woche 14. Rücksturz

Die Woche war ganz OK, ich habe ein paar Überstunden abgefeiert - zum ersten Mal seit ein paar Jahren, bisher habe ich mich immer auszahlen lassen. Seit ... seit längerem.
Aber heute hat es mich zerlegt, und das aus ganz unerwarteter Ecke. Echt, es ist ... heftig.

Aischa und Anna sind direkt nach der Schule hergekommen, und Aischa hatte das ganze Zeug dabei für zwei Übernachtungen - Anna grinste, als ihre Mutter ganz vorsichtig fragte, ob das OK sei, und als ich sagte, ja, super, sprang sie in meine Arme.
Wir hatten einen Drehtermin ausgemacht, Kay sagte, dass er noch ein paar neue Aufräum-Szenen aus der Garage braucht für ein Projekt, ohne Text, aber mit anderer Kamera wegen der Bildqualität, und deswegen sind wir gleich los.
Und Anna natürlich mit.

Das Kind hat echt Talent! Erst wollte sie wissen, worum es geht, dann wollte sie das mal probieren, und ich muss sagen: Meisterhaft!
Kay überlegte laut, ob wir nicht ein komplettes Video nur mit Anna drehen sollten, so gut war die Kleine.
Hat mich echt gefreut!

Nur, dann war ich dran, und da ist es passiert:
Ich habe die Kartons aus Annas Zimmer hergenommen, nacheinander ein paar Sachen rausgeklaubt, angeschaut und in die Entsorge-Kartons gelegt, wie gehabt. Nur eben ohne Text.
Und das sechste oder siebte Ding war ein Bild.
Gerahmt, Foto auf Leinwand, im Hintergrund die Berge, Österreich, vor vier Jahren ...
Annegret.
Sie war wunderschön auf dem Bild, das beste, das ich je geschossen habe. Und sie hat gelacht. Und ...

Ich muss da ziemlich seltsam ausgesehen haben, so erstarrt mit dem Bild in der Hand. Gefühlt eine Ewigkeit, und mir war gar nicht wohl dabei. Ich hätte vielleicht losgeheult, aber Aischa hat mich gerettet:
Sie nahm mir das Ding aus der Hand, ging zu einem leeren Karton, nahm einen Edding und schrieb ˋNoch nicht so weit´ da drauf, bevor sie das Bild ganz sacht hineinlegte.
Und dann kam sie wieder zu mir, nahm mich in den Arm und murmelte irgendetwas, was ich nicht verstand.

Den letzten Teil hat Kay dann rausgeschnitten aus dem Video, aber nicht gelöscht. Weil, ich sagte, das muss ich noch mal sehen, später, irgendwann. Vielleicht.

Heute habe ich dann den Blog von den ganzen Sozialen Medien gelöst, dafür schreibe ich jetzt extra Beiträge, und eine Zugangsbeschränkung gibt es auch - manche Sachen haben so offen im Netz eben nichts verloren. Finde ich.

Abends habe ich Aischa ein bisschen was erzählt, von Annegret, von damals, und sie ist eine wunderbare Zuhörerin. Das hat echt gut getan.
Und dass Anna gefragt hat, ob ich zu traurig bin um eine Gute-Nacht-Geschichte vorzulesen, das könne sie verstehen und wäre nicht schlimm, das hat auch gutgetan. Irgendwie.
(Vorgelesen habe ich trotzdem, den gestiefelten Kater.)